Beinahe täglich wandert Thomas Kalbermatten durch Wiesen und Felder. Rund 300 Kilometer pro Monat.
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Ständig auf Achse

Unterwegs Beinahe täglich reist der Walliser Thomas Kalbermatten quer durch die Schweiz, um durch Wiesen, Wälder, Täler und auf Berge zu wandern. Ein Porträt eines nimmermüden Entdeckers.

Von Andreas Zurbriggen

Nein, ein Stubenhocker ist Thomas Kalbermatten definitiv keiner. 3175 Kilometer lief der Rentner im vergangenen Jahr auf Schweizer Wanderwegen.

Das sind beinahe fünf Millionen Schritte oder eine Strecke von Basel bis ans Nordkap.

Auch als Siebenschläfer kann man ihn kaum titulieren. An einem sommerlichen Dienstag treffe ich den 68-jährigen Pensionär nämlich schon in aller Früh im Zug Richtung Spiez. Wir haben uns verabredet, um einen gemeinsamen Wandertag zu unternehmen.

Basislager Saas-Fee

Wenige Tage nach seinem 65. Geburtstag erfüllte sich Thomas Kalbermatten einen lang gehegten Traum: Er kaufte sich ein Generalabonnement. «Dies war meine erste Investition nach der Pensionierung», schmunzelt der sympathische Walliser. Seitdem ist er unterwegs. Unermüdlich. Am Abend kehrt er dabei stets nach Hause zurück, in seinen Heimatort Saas-Fee, einem Touristenort in einem Walliser Südtal. Zentral sieht anders aus. «Mein Basislager ist Saas-Fee», sagt er bestimmt. Da gibt es für ihn nichts zu rütteln. Lausanne, Bern oder Zürich als Wohnort kommen für ihn nicht in Frage, zu sehr fasziniert ihn die Bergwelt seines Heimatortes.

Kaum verlässt der Zug den Lötschberg-Basis-Tunnel beginnt Thomas Kalbermatten seinen erwanderten Wissensschatz auszubreiten. Er erklärt mir Wanderungen von Adelboden nach Frutigen, erörtert verschiedene Routen der Kander entlang und schweift immer wieder zu anderen Touren ab, die er in vergangener Zeit unternommen hat: Um den Walensee, von Horgen nach Bäch am Zürichsee oder vom Brünig nach Brienz. Letztgenannte Wanderung lief er sogar gleich zwei Mal auf verschiedenen Routen ab, der Entdeckertrieb liess ihm keine Ruhe.

Leidenschaft Wasser

Es ist ein Genuss, ihm zuzuhören und sich zu neuen Wanderungen inspirieren zu lassen. In Spiez steigen wir auf einen Zug der BLS um und tuckern gemächlich durchs Simmental. Auch hier scheint Thomas Kalbermatten jeden Stein zu kennen und schwärmt dabei von Wanderungen dem Wasser entlang – im nachbarschaftlichen Diemtigtal oder direkt neben dem Gleis an der Simme. «Mit Wasser kann ich eigentlich nichts anfangen, aber am Wasser zu laufen, bereitet mir eine enorme Freude», bringt er seine Leidenschaft für das nasse Element auf den Punkt.

Diese Leidenschaft kommt auch beim Umrunden von Seen zum Tragen. Sempachersee, Halwilersee oder Lungernsee? Alles schon längst umwandert. Eine weitere Passion sind Hängebrücken. Zu solch einer will er mich an diesem Tag führen, die er selbst ebenfalls noch nie überschritten hat.

Stets den Wegweisern nach

In Oberwil verlassen wir den Zug. Per Smartphone macht er ein Foto der Bahnstation: «Meiner Schwester Franziska melde ich nun mit einem Gruss, wo ich bin.» Thomas Kalbermatten liebt es, alleine unterwegs zu sein. «Vieles passiert dann spontan», weiss er aus Erfahrung. Die Ideen zu seinen Wanderungen holt er sich nicht etwa aus Wanderbüchern oder Wander-Apps, sondern schaut sich bei seinen Wanderungen schlicht und einfach Wegweiser an. «So komme ich immer wieder auf neue Ideen, wo ich noch hinwandern könnte.»

«Mit Wasser kann ich eigentlich nichts anfangen, aber am Wasser zu laufen, bereitet mir eine enorme Freude.»

Manchmal erwacht Thomas Kalbermatten noch vor Sonnenaufgang, entscheidet sich intuitiv für eine Wanderung und nimmt das 6.00-Uhr-PostAuto nach Visp. Nicht minder gerne geht er mit Freunden wandern – sei es im Wallis oder Berner Oberland. Das braucht dann jedoch schon etwas mehr Planung.

Bewährter Proviant

Unser Etappenziel ist die Hängebrücke Leiternweide, mit rund einer Stunde Anstieg rechnen wir beim Startpunkt. Dieser entpuppt sich als sehr gemächlich, der Weg als äusserst abwechslungsreich. Kinder rufen uns von einem Berner Chalet Grüsse entgegen, ein Kiesweg führt an einem «Schnurreloch» und «Zwergliloch» vorbei. Thomas Kalbermatten wandert in Sherpa-Schuhen und mit Leki-Stöcken. In seinem Rucksack findet sich bei jeder Wanderung derselbe Proviant: ein Mineralwasser, ein im Coop gekauftes Sandwich und eine Banane. Dazu kommt eine Regenjacke. Mehr braucht er für seine Touren nicht. Kommt er an einem einladenden Restaurant vorbei, kehrt er dort auch mal ein. Insbesondere, um seine Lust nach Süssspeisen zu stillen.

Zwei bis drei Stunden dauern in der Regel seine Wanderungen. Am Abend kehrt er stets zu seinem Basislager Saas-Fee zurück. Seine Tagesausflüge führen ihn in die Innerschweiz, an die Ufer des Genfersees oder bis zum Bodensee. 300 Kilometer wandert er im Schnitt pro Monat. Sein Smartphone zeichnet alle Routen auf.

Märchenhafte Stimmung

Nach einer Stunde erreichen wir die schwindelerregende Hängebrücke. Thomas Kalbermatten macht Videos, knipst Fotos. Sein Smartphone ist ihm ein treuer Begleiter.

Aufgewachsen ist Thomas Kalbermatten in einer Hoteliersfamilie in Saas-Fee. Die Handelsschule besuchte er in Brig. Einige Monate lebte er daraufhin in London, um Englisch zu lernen. Dann kehrte er zurück in seinen Heimatort und übernahm das Hotel seiner Familie, das «Waldesruh» direkt an den Skipisten des Gletscherdorfs. Später folgten Stationen am Ticketschalter der Bergbahnen Saas-Fee, bei der Rodelbahn Feeblitz und im Saaser Museum. «Mein ganzes Arbeitsleben bin ich für andere da gewesen, nun habe ich Zeit für mich», resümiert Kalbermatten.

«Mein ganzes Arbeitsleben war ich für andere da gewesen, nun habe ich Zeit für mich.»

Der Weg führt uns in eine verwunschene Schlucht hinein. «Das ist die schönste Wanderung meines Lebens», schwärmt ein Wanderer, der uns entgegenkommt. Märchenhaft wirkt die Stimmung. Zuunterst in der Schlucht angekommen, setzt sich Thomas Kalbermatten ans Wasser. Es ist sein Element. An den Ruinen der einstigen Kurlandschaft Weissenburgbad vorbei erreichen wir noch vor dem Mittag die Bahnstation Weissenburg.

Auftritt «Donnschtig-Jass»

Angebrochene Tage lässt Thomas Kalbermatten nicht unausgefüllt ausklingen. «Kennst du die Simmenfälle? Die muss ich dir unbedingt zeigen», fragt er mich unvermittelt. Ich verneine und völlig unerwartet sitzen wir wenige Minuten später im Zug Richtung Lenk. Die Schweiz kennt Kalbermatten wie seinen Hosensack. Permanent scheinen ihm neue Ideen für Ausflüge und Wanderungen durch den Kopf zu gehen. Vom Bahnhof Lenk spazieren wir gemächlich in Richtung Süden, picknicken am Lenksee und wandern danach den Simmenfällen entgegen. Erst vor zwei Wochen besuchte er diesen Ort schon einmal. Zwei Mal dieselbe Wanderung zu machen, macht ihm nichts aus.

Auf dem Weg zur Barbarabrücke, auf der er mir einen besonders imposanten Blick auf die Wassermassen verspricht, erzählt er mir von seiner Teilnahme beim «Donnschtig-Jass» vor drei Jahren im nahegelegenen Zweisimmen. Ein klein wenig Stolz schwingt in seiner Stimme mit, an den Fernsehauftritt erinnert er sich immer noch gerne zurück.

Resümee: 23 800 Schritte

Nicht nur ein passionierter Jasser ist Thomas Kalbermatten, lange pflegte er auch eine Leidenschaft fürs Pit-Pat, dieser eigentümlichen Mischung aus Minigolf und Billard. In Saas-Fee organisierte er dazu sogar einen Wettkampf und nannte ihn schlicht Thomas-Cup. Mit Pit-Pat-Spielern aus der ganzen Schweiz und aus dem nahen Ausland pflegte er Kontakte. Einige sind bis zum heutigen Tag geblieben, wenn auch die Sportart nicht mehr den Stellenwert geniesst wie in den 1980er-Jahren, als sie erfunden wurde.

Die Simmenfälle führen an diesem Tag Unmengen an Wasser. Die Barbarabrücke ist für Fussgänger gesperrt. Die wuchtigen Wassermassen imponieren dennoch. Zurück beim Hotel Simmenfälle steigen wir in den Bus und resümieren unser Tagespensum: 14,7 Kilometer, vier Stunden Laufzeit und 23 800 Schritte.

Auf der Rückreise ins Wallis wird Thomas Kalbermatten plötzlich wortkarg. Er sichtet seine Fotos, er spielt all seine Videos ab und produziert aus dem besten Material einen WhatsApp-Status von beeindruckender Länge. In diesem lässt er den Tag noch einmal Revue passieren. Bald darauf klingelt sein Smartphone. Ein guter Kollege lädt ihn zum Wandern ein, zum Mattmarkstausee im Saastal. Schon für den nächsten Tag. «Wieder eine Wanderung an einem See», freut er sich mit leuchtenden Augen.

Wandertipps von Thomas Kalbermatten für den Herbst

Saas-Fee, Wanderung durch goldgelbe Lärchenwälder
Saas-Fee, Wanderung durch goldgelbe Lärchenwälder Credit: Saastal Tourismus

Saas-Fee, Wanderung durch goldgelbe Lärchenwälder

Hannig – Saas-Fee Die Wanderung beginnt mit einer Gondelbahnfahrt vom Gletscherdorf Saas-Fee auf die Bergstation Hannig auf 2350 m ü. M. Die Tour führt zunächst talwärts über den «Sonnenweg» zum Café Alpenblick auf 2030 m ü. M. Goldgelbe Lärchenwelder säumen daraufhin den Weg. Über den Melchboden und die Bärenfalle geht es in sanftem Abstieg zurück nach Saas-Fee.

Strecke: 8,5 Kilometer Abstieg: 550 Höhenmeter Zeit: 2,5 Stunden Schwierigkeit: mittel

Genfersee, Rebwanderung im Lavaux
Genfersee, Rebwanderung im Lavaux Credit: Andre Meier (Schweiz Tourismus)

Genfersee, Rebwanderung im Lavaux

St. Saphorin Bahnhof – Lutry Bahnhof Idyllische Wanderung durch die Weinterrassen im waadtländischen Lavaux, die seit 2007 zum Welterbe der Unesco gehören. Von St. Saphorin geht es nach Lutry mit atemberaubender Aussicht auf den Genfersee und die umliegenden Berge.

Strecke: 11,3 Kilometer Steigung: 418 Höhenmeter Abstieg: 401 Höhenmeter Zeit: 3,1 Stunden Schwierigkeit: leicht

Gottardo-Wanderweg, mehrtägige Wanderung durch den Uri
Gottardo-Wanderweg, mehrtägige Wanderung durch den Uri Credit: Adobe Stock

Gottardo-Wanderweg, mehrtägige Wanderung durch den Uri

Göschenen – Altdorf Die gesamte Strecke des Gottardo-Wanderwegs von Göschenen bis Altdorf beträgt 31,7 Kilometer, was einer Wanderzeit von rund 9.5 Stunden entspricht. Mit Vorteil beginnt man die Tour in Göschenen (1111 m ü. M.) und läuft talabwärts in Richtung Altdorf (494 m ü. M.). Der familienfreundliche Gottardo-Wanderweg kann auch in Etappen erkundet werden. Wanderer, welche die Landschaft und die Sehenswürdigkeiten geniessen wollen, sollten mindestens zwei Tage einrechnen.

Strecke: 31,7 Kilometer Abstieg: 617 Höhenmeter Zeit: 9,5 Stunden Schwierigkeit: leicht bis mittel

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