Puschlav, ein idyllisches Bündner Südtal Credit: Valposchiavo Turismo
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Ein Tal hat den Weitblick

Im Puschlav werden 95 Prozent der Landwirtschaftsfläche von Bio zertifizierten Betrieben bewirtschaftet. Jetzt strebt man im Tal die 100-Prozent-Marke an und will sich als erstes Bio-Tal der Schweiz auszeichnen lassen.

Monika Bachmann

Wer mit der Rhätischen Bahn den Berninapass überquert, kommt im Puschlav an. Das Bündner Südtal erstreckt sich von der 2300 Meter hohen Passhöhe bis ins südliche Campocologno, das an der Grenze zu Italien liegt. Die Valposchiavo, wie man die italienischsprachige Region nennt, ist gerade einmal 25 Kilometer lang. Die kleine Fläche überrascht durch eine grosse Vielfalt: «Bei uns gibt es Gletscher und zugleich Palmen», sagt Reto ­Raselli.

Im Tal nennt man ihn «Kräuterkönig» und «Biopionier». Kein anderer Landwirt hat seinen Betrieb so früh auf eine nachhaltige Landwirtschaft ausgerichtet wie er. In den 1980er-Jahren begann er mit der Produktion von Bergkräutern zu experimentieren. 1992 wurde sein Betrieb mit der Bio-Suisse-Knospe zertifiziert. Den Hof hat er inzwischen seinem Neffen übergeben. Reto Raselli selbst konzentriert sich heute auf seine «Erboristeria Biologica», ein Unternehmen, das hauseigene Bio-Kräuter verarbeitet, verpackt und den Klein- und Grosshandel damit beliefert.

Innovation ist lebenswichtig

Viele Bauern und Bäuerinnen im Puschlav sind seinem Beispiel gefolgt. Heute werden im Tal 95 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche von Bio-Suisse-zertifizierten Betrieben bebaut und gepflegt, was schweizweit einzigartig ist. Einen Anstoss dazu gab auch die lokale Käsereigenossenschaft.

«Die Vorstellung, dass meine Kinder in einem Bio-Tal aufwachsen, finde ich schön.»

Als sie den Betrieb in den 1990er-Jahren auf Bio umstellte, mussten die zuliefernden Landwirte nachziehen. Innovation sei in einem kleinen Alpental lebenswichtig, erklärt Regionalentwickler Francesco Vassella. «Eine gemeinsame Vision stärkt den Zusammenhalt», sagt er. Nachhaltigkeit gilt inzwischen als Markenzeichen der Region – und sie soll weiter ausgebaut werden: 95 Prozent Bio-Landwirtschaft sind nicht genug. Die Verantwortlichen streben die 100-Prozent-Marke an. «Wir möchten das erste Bio-Tal der Schweiz werden», so Vassella. Zu diesem Zweck hat ein Verbund aus den Branchen Tourismus, Landwirtschaft und Gewerbe das Projekt «100 % bio Valposchiavo» gestartet.

Projekt verleiht Anschub

Mit dabei ist auch Beerenproduzent Nicolò Paganini, der seinen Betrieb zurzeit auf Bio umstellt. Mit seiner «Piccoli Frutti Valposchiavo» bewirtschaftet er zehn Hektaren Land, die auf rund 70 kleine Parzellen verteilt sind, darunter alte Terrassen oder private Hausgärten. «Beeren sind sehr anfällig für Pilzerkrankungen», sagt er. Nebst dem Einsatz von synthetischen Pestiziden und Herbiziden müssen die Stauden mit einem Plastiktunnel vor Regen und somit vor Schimmel geschützt werden. «Diese Tunnel stören das Landschaftsbild, ausserdem entsteht eine Menge Abfall», meint Nicolò Paganini. Er verzichtet deshalb schon länger auf diese Methoden. Das Projekt «100 % bio Valposchiavo» verleiht ihm nun Schub, um den Betrieb ganz auf Bio umzustellen. Er behandelt die Beeren und Früchte mit einem natürlichen Gegenpilz, was deutlich aufwendiger ist als die konventionelle Produktion. Die Umstellung dürfte sich auch auf den Ertrag auswirken: Die «Piccoli Frutti» wird zukünftig schätzungsweise zwei Drittel der Beeren zu Konfitüre, Saft, Essig oder Grappa verarbeiten und nur noch 30 Prozent als Tafelbeeren verkaufen.

Credit: Ivan Previsdomini, Piccoli Frutti Valposchiavo

Hier wachsen zahlreiche Bio-Beeren und Bio-Kräuter: Nirgends in der Schweiz ist die Dichte an Bio-Betrieben so hoch wie im Puschlav, einem idyllischen Bündner Südtal.

Credit: Ivan Previsdomini, Piccoli Frutti Valposchiavo

Bisher war das Verhältnis umgekehrt. Dennoch sieht der Inhaber einen Mehrwert. «Ökologisch arbeiten ist heute ein Muss», sagt er. Erfolgversprechend sei zudem der Schulterschluss zwischen den verschiedenen Akteurinnen und Akteuren im Tal: «Im Rahmen des Projekts entwickeln wir gemeinsam Lösungen, beispielsweise für die Logistik, und suchen neue Absatzkanäle.»

Lokales auf dem Teller

Ein wichtiger Treiber ist die lokale Tourismusorganisation. «Wir setzen schon lange auf einheimische Produkte», meint Geschäftsleiter Kaspar Howald. Wer in der Valposchiavo Ferien verbringt, bekommt das zu spüren. In verschiedenen Restaurants werden Gerichte mit der Marke «100% Valposchiavo» angeboten. So kann man etwa Bündner Buchweizen-Pizzoccheri geniessen, die zu hundert Prozent aus lokalem Getreide bestehen. «Alle Produkte, die mit diesem Label angeschrieben sind, werden im Tal hergestellt», so Howald. Produzenten wie Nicolò Paganini pflanzen zu diesem Zweck Nussbäume für die Herstellung von Bündner Nusstorten an oder weiten das Sortiment aus, etwa auf die Produktion von Oliven, um Öl aus der Region zu liefern. Längerfristig sollen diese Angebote nicht nur mit dem Etikett «lokal», sondern auch mit «Bio» gekennzeichnet werden – so die Vision.

Bio Suisse zeigt Interesse

Bis zur Auszeichnung als erstes Bio-Tal der Schweiz sind noch Hürden zu nehmen. Erste Kontakte zu Bio-Suisse haben stattgefunden. Das Projekt stösst auf Interesse: «Jeder Schritt in Richtung Bio ist ein Schritt zu mehr Nachhaltigkeit», findet Timo Pekgüçer, Leiter Marketing und Unternehmenskommunikation. Die Zertifizierung einer ganzen Region stellt die Verantwortlichen jedoch vor Herausforderungen: Wie geht man beispielsweise mit öffentlichen Flächen um, die von den Gemeinden gepflegt werden? Soll der Wald neu auf Bio-Forstwirtschaft umgestellt werden? Und welche Auflagen bräuchte es für die Rhätische Bahn, die beim Gleisunterhalt Herbizide einsetzt? Bei Bio Suisse weist man darauf hin, dass entsprechende Richtlinien geschaffen werden müssten, um solche «Systemgrenzen» zu definieren, was den Einbezug verschiedener Fachgremien erfordere, wie Timo Pekgüçer ausführt.

Die Klärung dieser Fragen ist im Interesse der lokalen Bevölkerung. Regionalentwickler Francesco Vassella betont, dass der sorgsame Umgang mit der Natur ein wichtiges Element sei. Gleichzeitig hält er fest, dass man im Puschlav keinen « Naturpark» errichten wolle. «Wir leben hier und wir brauchen eine funktionierende Wirtschaft.» In seinen Augen wertet das Projekt «100 % bio Valposchiavo» auch den ökonomischen Faktor auf. Die Qualität der Produkte und die lokale Zusammenarbeit seien gewinnbringend und die Ausstrahlungskraft als Region könnte neue Arbeitskräfte anlocken. Alpentäler kämpfen bekanntlich gegen die Abwanderung. In der Valposchiavo reagiert man darauf mit Innovation und erhöht damit die Lebensqualität. Francesco Vassella ist Vater von drei kleinen Kindern. Er sagt: «Die Vorstellung, dass sie in einem Bio-Tal aufwachsen, finde ich schön.»

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