Umweltbewusstes Verhalten geht oft mit mehr Lebensqualität einher. Wenn ich mit dem Velo statt mit dem Auto unterwegs bin, beeinflusst das meine Gesundheit positiv. Zu wissen, etwas für die Umwelt zu tun, gibt mir eine höhere Lebenszufriedenheit. Credit: Adobe Stock
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Nachhaltigkeit heisst nicht gleich Verzicht

Bernadette Sütterlin forscht an der ZHAW zum Thema nachhaltiges Konsumentenverhalten und weiss, wo nachhaltiges Handeln besonders Sinn macht – und wie man es schafft, Gewohnheiten dauerhaft zu ändern.

Interview: Maria Künzli

Frau Sütterlin, woher kommt der Begriff Nachhaltigkeit eigentlich?
Bernadette Sütterlin: Der Begriff stammt ursprünglich aus der Forstwirtschaft und bedeutete, nur so viele Ressourcen zu verbrauchen, wie die Natur regenerieren kann. Heute wird nachhaltige Entwicklung als eine Entwicklung verstanden, die in Bezug auf soziale, ökologische und ökonomische Aspekte langfristig tragbar ist. Dabei soll gewährleistet werden, dass wir in der Gegenwart unsere Bedürfnisse befriedigen können, aber so, dass dies auch noch zukünftigen Generationen möglich sein wird.

In welchen Lebensbereichen macht nachhaltiges Verhalten am meisten Sinn?
Der grösste Umwelteinfluss des privaten Konsums entsteht in Zusammenhang mit der Ernährung, dem Wohnen und der Mobilität.

Sprechen wir über die Ernährung: Der Fleischkonsum ist ein bekanntes Problem.
Betrachtet man den Einflussfaktor der Ernährung auf die Umwelt, geht der Grossteil auf tierische Produkte zurück. Mit einem einzigen fleischlosen Tag kann man den Umwelteinfluss einer Autofahrt quer durch die ganze Schweiz kompensieren.

«Umwelt­bewusstes Verhalten geht oft mit mehr Lebensqualität einher.»

Was vielen nicht bewusst ist: Man kann schon mit der Wahl des Fleisches viel bewirken. Der Konsum von Rinds- und Kalbfleisch hat einen grossen Umwelteinfluss, weil hier die Tierhaltung mit einem grossen Ressourcenverbrauch und einem hohen Emissionsausstoss verbunden ist. Isst man statt Kalbfleisch Geflügel- oder Schweinefleisch, ist der negative Einfluss schon um einiges geringer.

Wie wichtig ist es in Bezug auf die Nachhaltigkeit, auf lokale Produkte zu setzen?
Die Herkunft ist sicher ein Faktor, der Einfluss auf die Umwelt hat. Aber verglichen mit dem Einfluss der Lebensmittelkategorie – zum Beispiel Fleisch versus Gemüse oder Früchte – ist dieser verschwindend klein. Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass ein Produkt umso umweltschädlicher ist, je länger der Weg ist, den es zurückgelegt hat.

Ich schade der Umwelt also mehr, wenn ich Schweizer Kalbfleisch esse, als wenn ich Bananen aus Südamerika kaufe?
Ja.

Wie sieht es mit Bioprodukten aus?
Die Umweltbilanz von Bioprodukten ist nicht immer besser. Bei einigen Produkten schneiden Bioprodukte gleich schlecht oder sogar noch schlechter ab als konventionelle Produkte. Das liegt daran, dass beim Bioanbau oft Kupfer als Pflanzenschutzmittel verwendet wird.

Wie kann ich im Haushalt für mehr Nachhaltigkeit sorgen?
Heizenergie und Warmwasser sind hier zwei zentrale Bereiche. So sollte man etwa möglichst wenig heizen sowie kurz und nicht zu heiss duschen. Beim Stromverbrauch ist es schwieriger, weil die meisten Menschen den Energieverbrauch von Geräten falsch einschätzen. Dort, wo der Verbrauch sichtbar ist, zum Beispiel beim Licht, wird dieser oft überschätzt. Dasselbe bei der Lautstärke und der Grösse: Je grösser und lauter ein Gerät, desto höher schätzt man dessen Verbrauch ein. Das stimmt aber oft nicht. So wird etwa der Stromverbrauch eines Handyladegeräts unter- und jener eines Staubsaugers überschätzt.

Die Nachhaltigkeits-Spezialistin Bernadette Sütterlin.
Die Nachhaltigkeits-Spezialistin Bernadette Sütterlin. Credit: zvg

Manche können aufs Fliegen nicht verzichten, andere nicht auf Fleisch. Welches ist Ihre persönliche Nachhaltigkeitssünde?
Weil ich mich sehr intensiv mit diesem Thema befasse, versuche ich schon, im Alltag möglichst nachhaltig zu leben. Aber wie bei jeder Person, gibt es auch bei mir Optimierungspotenzial. An jenen Tagen, an denen ich nicht Homeoffice mache, pendle ich vier Stunden pro Tag. Es wäre nachhaltiger, näher am Arbeitsplatz zu wohnen. Und zurzeit sind wir dabei, ein eigenes Haus zu bauen. Ein Minergie-A-Haus zwar, aber nachhaltiger wäre es dennoch, eine kleine bestehende Wohnung zu mieten. Und: Ich esse sehr gerne Schokolade, leider kein sehr nachhaltiges Nahrungsmittel.

Gibt es nachhaltiges Verhalten ohne Verzicht?
Es gibt drei Strategien zur Förderung nachhaltigen Verhaltens: Suffizienz, Effizienz und Konsistenz. Suffizienz bedeutet, den Konsum und die Produktion von Gütern zu reduzieren. Also zum Beispiel weniger Auto zu fahren. Effizienz beschreibt die Nutzung von technischen Lösungen, die möglichst wenig Ressourcen zur Erbringung eines Ergebnisses verbrauchen, wie etwa die Anschaffung von energieeffizienten Geräten.

Es gibt drei Strategien zur Förderung nachhaltigen Verhaltens: Suffizienz, Effizienz und Konsistenz.

Bei der Konsistenzstrategie geht es darum, umweltverträglichere Stoffkreisläufe zu nutzen, etwa erneuerbare Energien. Bei der Effizienz und der Konsistenz muss man tiefer ins Portemonnaie greifen, wenn man teurere Geräte kauft oder auf Solarenergie setzt. Das Nutzungsverhalten ändert sich dabei aber nicht zwingend. Suffizientes Verhalten erfordert hingegen eine Änderung der Gewohnheiten und des Lebensstils. Das muss sich aber nicht wie Verzicht anfühlen.

Inwiefern nicht?
Umweltbewusstes Verhalten geht oft mit mehr Lebensqualität einher. Wenn ich das Auto stehenlasse und mehr mit dem Velo unterwegs bin, beeinflusst das meine Gesundheit positiv. Zu wissen, etwas für die Umwelt zu tun, gibt mir eine höhere Lebenszufriedenheit. Ein suffizienter Lebensstil kann ein Freiheitsgefühl auslösen, weil man viel Ballast abwerfen und sich auf das Wesentliche konzentrieren kann.

Wie viele Menschen müssen nachhaltig leben, damit sich global etwas ändern kann?
Jeder Einzelne muss seinen Beitrag leisten. Die Trittbrettfahrermentalität – zu glauben, wenn andere sich nachhaltig verhalten, reiche das und man kann dann davon profitieren – funktioniert nicht. Auch die Tendenz zur moralischen Legitimation bringt uns nicht weiter. Zu denken, dass zum Beispiel die Anschaffung eines effizienten Geräts im Haushalt dazu legitimiert, weiterhin jeden Tag Fleisch zu essen, hilft der Umwelt nicht und kann sich sogar noch negativer auf sie auswirken.

Wie schaffe ich es, meine Gewohnheiten dauerhaft zu ändern?
Sich selbst klare Ziele zu setzen, was man erreichen möchte, kann helfen, die Motivation aufrechtzuerhalten. Die Ziele sollten ambitioniert, aber machbar und möglichst konkret sein. Zum Beispiel: Montags und donnerstags esse ich kein Fleisch. Oder: In den nächsten drei Monaten reduziere ich meinen Energieverbrauch um zehn Prozent. Um Vorsätze in die Tat umzusetzen, hilft es zudem, konkrete Wenn-Dann-Pläne zu formulieren. Diese beschreiben genau, in welchen Momenten eine Umsetzung schwierig werden könnte und wie man darauf reagiert.

Wie sinnvoll sind Anreize von aussen?
Extrinsische Anreize, zum Beispiel finanzielle Anreize, wirken oft nur kurzfristig oder können sogar kontraproduktiv sein. Andere Massnahmen, die bei einer Veränderung der Entscheidungssituation ansetzen, wie etwa die Nudging-Methode, sind langfristig erfolgversprechender. Unter Nudging versteht man eine Methode, bei der die Entscheidungssituation so umgestaltet wird, dass das Verhalten in eine gewünschte Richtung gelenkt wird, ohne dabei die Entscheidungsfreiheit einzuschränken oder auf Verbote oder finanzielle Anreize zurückzugreifen. Zum Beispiel bei einem Selbstbedienungsbuffet: Wenn in der Ablage zuerst das Gemüse angeboten wird und erst am Schluss das Fleisch, landet automatisch weniger Fleisch auf dem Teller.

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